Testbericht Wieden WLAN
Wieden WLAN Erfahrung
Die Firma Stiegeler hat in Wieden im Schwarzwald ein WLAN basiertes Breitbandnetz (auch Funk DSL genannt) aufgebaut, mit dem Ziel schnellere Internetanbindung als ISDN zu bieten. Dieses Netz ist der Pilot für andere Netze, die die Firma Stiegeler plant in der Region aufzubauen. Die Gemeinde Wieslet ist bereits angeschlossen, das kleine Wiesental und weitere Gemeinden (Steinen, Wieslet, Tegernau, Wies) prüfen dies.Nachdem das Netz um Weihnachten 2007 in den Testbetrieb ging und nun seit März im Vollbetrieb ist, ist es an der Zeit und fair aus Kundensicht einen Testbericht zu schreiben. Die ersten 2 Monate kann man getrost als Beta Betrieb bezeichnen.
Anzahl der maximalen Netzgeräte im Wiedener Netz pro Tag
Angebotsbeschreibung
Gemäss den Informationen, die uns Stiegeler Internet Services zur Verfügung stellte, sollte das Netz folgende Charakteristika haben:- 2 MBit/s synchron (up/down) geteilt mit dem ganzen Dorf Wieden (derzeit gedrosselt auf 1 MBit pro Kunde)
- ab 30-40 Kunden Ausbau auf 2x2MBit/s (zugesagt für Ende Februar)
- Hausverteilung via 2.4 GHZ WLAN 802.11b
- Bandbreite wird über alle Teilnehmer fair verteilt
- Dauerbetrieb möglich
- VoIP eingeschränkt, da keine Bandbreitengarantie
- 200 € einmalige Installation
- 28 € im Monat
- Preisliste: http://www.stiegeler.biz/?page_id=72
Nun das Gute zuerst, im Grossen und Ganzen funktioniert es. Es ist über lange Zeit möglich zügig (also erheblich schneller als ISDN) im Internet zu surfen und fast alle weiteren Dienste die man von einem DSL Zugang gewohnt ist in Anspruch zu nehmen.
Wenn man Glück hat, erhält man Downloadraten bis knapp an die 2MBit/s. Der Upload ins Internet ist auf 1MBit/s beschränkt. Es kann aber auch zu stundenlangen Ausfällen oder Kriechgeschwindigkeit führen, wenn das Netz mal wieder ins Schwanken geraten ist.
Derzeit ist die Bandbreite künstlich auf 1MBit/s gedrosselt, da trotz der dynamischen Bandbreitenverteilung am Rathaus Überlastungsstörungen aufgetreten sind.
Hier zeigen sich klar die Einschränkungen der gewählten Architektur und Technik.
Architektur
Es befindet sich ein Internetzugangspunkt auf dem Rathaus in Wieden. Auf den AccessPoint (AP) dort schalten sich dann weitere Verteiler AccessPoints und auch Client AccessPoints auf. Je nach dem, wo man auf das Netz zugreift reduziert sich die verfügbare Bandbreite.Auf Kundenseite gibt es je nach Standort diverse Möglichkeiten. Wer direkt neben einem Verteil AP ist, kann im Grunde die eingebaute WLAN Hardware in seinem Notebook verwenden. Die meisten werden WLAN Client bridges mit Rundantennen und entlegenere Kunden können aus bis zu 2-3 km Entfernung mittels WLAN Richtfunkantennen auf einen Verteil AP aufschalten und dann eine eigene Hausverteilung anschliessen.
Als Funkbackbone (also die Verbindung zwischen den Verteil APs) wurde "Wireless Distribution System" gewählt. Dies ist zum einen kostengünstig, da für die Querverbindung zwischen den Verteil APs keine extra Funkhardware notwendig ist, hat aber auch den Nachteil, dass sich die Bandbreite jeweils halbiert (http://de.wikipedia.org/wiki/Wireless_Distribution_System).
So ist zum Beispiel in via dem AP Laitenbach nur eine Datenrate von 1 MBit/s zu erreichen, da zwischen Rathaus und AP Laitenbach noch ein AP zwischengeschaltet ist.
/***- AP Neumatt -***- AP Laitenbach
Zugangspunkt /
Rathaus ***- Wasserbehälter -***/- AP Wiedener Eck (nur Hotelgäste)
*** = FunkstreckeSomit liegt die Kapazität des WLAN Verteilnetzes nur knapp oberhalb der derzeit maximalen angebotenen Bandbreite(2 MBit). Je nach Entfernung zum nächsten AP und Anzahl der dazwischen liegenden APs kann sie noch erheblich abnehmen.
Es ist nicht klar, wie das Verteilnetz die versprochenen 4MBit/s, die ab 30 Kunden kommen sollen, überhaupt verteilen kann. Das Verteilnetz scheint derzeit schon an seine Kapazitätsgrenzen zu gelangen.
Möglicherweise wirkt sich die Bandbreitenhalbierung pro WDS Knoten durch die bereits durchgeführten Erhöhung der Funkgeschwindigkeit auf 11MBit/s nicht so stark aus.
Es zeigt sich immer wieder, dass einzelne Kunden, die z.B. ein stärkeres Signal erhalten, andere auf dem selben Accesspunkt wegdrücken können. Obwohl noch im Internetzugang genug Bandbreite verfügbar war, ist es somit oft nicht möglich die volle verfügbare Bandbreite zu erhalten. Dies erklärt sich vor allem dadurch, dass die gerechte Bandbreitenverteilung erst im Internetzugang im Rathaus stattfindet, der Engpunkt aber im WLAN Netz liegt.

Sicherheit & Zuverlässigkeit
Die gewählte offene Architektur ermöglicht den Einsatz von beliebigen Accesspoints auf Kundenseite und auch WLAN Karten in Notebooks, ist somit sehr offen, preiswert und flexibel.Die gewählte offene Architektur hat aber auch ihren Preis in Bezug auf Störanfälligkeit und Abhörsicherheit. Die Zugangskontrolle zum Netz findet erst am Uebergang zum Internet im Rathaus statt. Innerhalb des Dorfes kann sich jeder (egal ob Kunde oder nicht) auf das WLAN auf schalten und es nutzen, man erhält lediglich beim Aufbau von Verbindungen zum Internet eine Passwortabfrage.
Somit kann jeder Rechner der, absichtlich oder unabsichtlich, sich nicht an die Anforderungen an ein Netzwerk hält das ganze Netz aus dem Tritt oder zum Zusammenbrechen bringen. Dazu gehören weithin bekannte Angriffe auf LAN Netze, wie unautorisierte DHCP Server, MAC adress sowie arp spoofing und poisoning. Es ist damit theoretisch möglich eine existierende Verbindung eines zahlenden Kunden zu "entführen". Für den zahlenden Kunden von Stiegeler Internet Services stellt sich dies dann in der Regel als unerklärliche Funktionsstörung dar.
Bei dubiosen Ausfällen, dass z.B. ein Signal vorhanden ist, aber dennoch keine Verbindung zum Internet möglich ist, ist es auch für den Betreiber sehr schwer, den Fehler zu finden. Es gibt mehrere Kunden, die in dem Fall vom Support zur Antwort bekommen haben "wir können keine Störung feststellen".
Es kommt auch besonders Abends und am Wochenende zu Minutenausfällen, wo das Netz quasi auseinander fällt. Dies scheint mit Überlast im Funknetz zu tun zu haben, es scheinen einzelne Knoten dann den nächsten Nachbarn nicht mehr zu finden. Sobald dies der Fall ist natürlich auch die Netzlast weg und das Netz findet sich in wenigen Minuten wieder zusammen.
Auch ist der Datenverkehr durch die Luft unverschlüsselt. Natürlich sollte eh jeder Internetbenutzer zur Kommunikation über das Internet nur noch verschlüsselte Verbindungen verwenden. Die Erfahrung zeigt dass viele Dienste noch unverschlüsselt stattfinden. Somit ist es theoretisch möglich, dass der Datenverkehr im Dorf abgehört wird. Dazu gehört minimal das Abhören des Surfverhalten (wer ist gerade auf welchem Webserver), in der Regel aber noch viel mehr. Abhilfe würde ein VPN Dienst bringen, der dann die Verbindung zwischen den Client APs und dem Internetübergang im Rathaus verschlüsselt.
Komfort
Derzeit muss man sich täglich neu manuell (per Weboberfläche) anmelden, ein automatisierter Dauerbetrieb ist somit im Regelfall nicht möglich. Auch Funktionen wie Fernüberwachung von Systemen (Alarmanlage, Überwachungskameras, Heizung, ...) sind nur mit Einschränkungen möglich.Gängige WLAN Router verfügen nicht über eine Funktion der automatischen Web Portal Anmeldung, mit ein wenig Programmierwissen lässt es sich jedoch automatisieren.
Stiegeler bietet auf seiner Preisliste für 100 € "Freischaltung der automatischen Authentifizierung" netzwerkseitig an.
Service
Es gibt zum einen das Infoportal in Form eines weblog http://stiegeler.biz. Dort sollten Wartungsarbeiten proaktiv angekündigt werden. Leider scheint dieser Prozess noch nicht lückenlos implementiert zu sein. Es werden immer wieder Wartungsarbeiten am Netz festgestellt, die dann sich dort nicht wieder spiegeln.Bis zum 22-August-08 war dort auch eine Netzlaststatistik zu finden, die Aufschluss darüber erlaubte, ob das Netz ausgelastet ist oder nicht und somit ermöglichte, das downloadverhalten dem anzupassen. Diese Statistik scheint derzeit dem neuen Design der http://stiegeler.biz Seite zum Opfer gefallen zu sein. Hoffentlich kommt sie wieder.
Nach Aussage von Herrn Stiegeler hat sich seit Abschalten der Statistik das Surfverhalten besser verteilt. Offensichtlich kommt es nicht mehr zum gezielten Download in Nutzungslücken, der dann sich zu Störungen aufschaukelt.
Support findet via der Telefonzentrale der Firma Stiegeler zu deren Geschäftszeiten (9:00-17:00) statt. Allerdings ist der Support sehr bemüht, man erhält oft auch am Sonntag eine Antwort.
Die Analysemöglichkeiten und das proaktive Monitoring von dem Wieden WLAN Netz scheinen jedoch noch nicht sehr ausgeprägt. Es kommt immer wieder zu Ausfällen, die dann, wenn man sie weiterleitet nicht begründet oder mit einem "wir können gerade nichts feststellen" beantwortet werden.
Das sehr wackelige Stromnetz in Wieden führt auch immer wieder zu Problemen, die nicht auf das Netz selber zurück zu führen sind. Es kommt in Wieden alle 3-4 Wochen zu längeren Stromausfällen.
Auch wurde derzeit die verfügbare Bandbreite pro Kunde auf 1 MBit/s gedrosselt. Dies wohl wegen Performanceproblemen, bis das Upgrade in Wieden installiert ist. Leider wurden die Kunden weder per email darüber informiert, noch wurde dies auf dem Infoportal veröffentlicht und schon gar nicht eine temporäre Preisreduktion angeboten.
Fazit
Im Detail stecken noch die eine oder andere Tücke, die aber Hoffentlich mit dem Wachstum ausgemerzt werden. Dies vor allem auch in Hinblick darauf, dass bereits andere Gemeinden wie Wieslet, Wies, Steinen, Tegernau in Gesprächen oder Aufbau eines Stiegeler Internet Services WLAN Netzes als DSL Alternative sind.Zu Gute zu halten ist auch, dass bis jetzt versucht wurde jeden erreichbaren Kunden auch anzuschließen.
Somit gibt es in Wieden nun Internet und man kann zügig surfen. Spezielle Dienste wie VoIP oder extrem verlässliche Verfügbarkeit kann man nicht erwarten. Dies ist aber auch nicht einfach zu leisten durch die widrigen Umstände.
Ich denke, in Bezug auf Transparenz hin zum Kunden die Firma Stiegeler noch einen Weg vor sich hat. Es ist jedoch verständlich, das wegen des Ausbau in den Nachbargemeinden dies derzeit keine Pirorität hat.Alles in Allem ist es sehr gut, dass es das Netz gibt und auch Hut ab vor Felix Stiegler, hier das unternehmerische Risiko auf sich genommen zu haben.


